Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen: Ein Kinderbuch · Selma Lagerlöf (translated by Pauline Klaiber)

Chapter 33: Die Überschwemmung

1.-4. Mai

Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien ihnen dieses Wetter fast unerträglich.

Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.

Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen. Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern. So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu; aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als über seine Ufer zu treten.

Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind, hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen.

Der Mälar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu weiten, sturmgepeitschten Flächen aus; er scheint zu nichts anderm geschaffen zu sein, als für Lustfahrten, Segeltouren und fröhlichen Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen. Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der See nie daran gedacht, daß hier etwas andres als Lustschlösser, Sommerhäuser, Herrenhöfe und Vergnügungsorte stehen sollten. Und weil er sich für gewöhnlich so freundlich und mild zeigt, gerät vielleicht gerade deshalb alles in so fürchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine freundliche Miene ablegt und offenbart, daß er auch ernstlich gefährlich werden kann.

Da es nun aussah, als wolle der Mälar wirklich eine Überschwemmung anrichten, wurden alle Boote und Einbäume, die während des Winters ans Land gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie möglich zum Gebrauch bereit wären. Die Brücken der Waschfrauen wurden hereingezogen, die Landungsbrücken dagegen verstärkt. Die Bahnwärter, deren Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu bewachen, gingen beständig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen.

Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder dürres Laub in Scheunen aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herüber. Die Fischer zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit fortgerissen würden. An den Fähren wimmelte es von Menschen, die rasch übergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege oder nach auswärts, mußte sich beeilen, solange die Überfahrt noch möglich war.

In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt, war die Geschäftigkeit am größten. Die meisten Landhäuser lagen allerdings so hoch über den Ufern, daß ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von diesen Landhäusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrücke, und sie mußten in Sicherheit gebracht werden.

Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mälar über seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in großer Not: Die Enten, deren Eier zwischen den Büschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die Spitzmäuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste hatten, ja selbst die stolzen Schwäne bekamen Angst für ihre Nester und ihre Eier.

Und es waren keine unnötigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mälar.

Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stämmen herauf. In die Gärten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in seiner eigenen Weise, und in den Gemüsebeeten und auf den Roggenfeldern, die ihm erreichbar waren, richtete es großen Schaden an.

Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um Gripsholm herum standen unter Wasser, und das große Schloß war jetzt nicht allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom Festlande getrennt. In Strängnäs wurde die schöne Strandpromenade in einen brausenden Fluß verwandelt, und in Wästerås bereitete man sich darauf vor, mit Booten in den Straßen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem Holm im Mälar überwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken, Bottiche und Eimer schwammen umher, und überall waren die Leute eifrig bemüht, sie zu bergen.

In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein Birkengehölz, das etwas nördlich vom Mälar lag. Wie gewöhnlich beschäftigten sich seine Gedanken mit den Wildgänsen und dem Däumling, und er sann und sann, wie er sie wieder finden könnte, denn er hatte ihre Spur vollständig verloren.

Während er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er plötzlich die Taube Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. »Wie gut, daß ich dich treffe, Agar!« rief Smirre. »Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhält.«

»Es ist wohl möglich, daß ich es weiß,« sagte Agar; »aber ich habe nicht im Sinn, es dir mitzuteilen.«

»Das ist mir auch einerlei,« fuhr Smirre fort, »wenn du ihr nur eine Botschaft ausrichten willst, die man mir für sie aufgetragen hat. Du weißt doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mälar aussieht. Es ist eine fürchterliche Überschwemmung, und das große Schwanenvolk, das in der Hjälstabucht wohnt, ist in größter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat der Schwanenkönig Dagklar von dem Knirps gehört, der mit den Wildgänsen umherzieht und für alles Rat weiß, und er hat mich zu Akka geschickt, sie zu bitten, mit dem Däumling nach der Hjälstabucht zu kommen.«

»Ich werde deinen Auftrag ausrichten,« erwiderte Agar. »Aber es ist mir nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwänen helfen könnte.«

»Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mögliche.«

»Ich wundere mich auch sehr darüber, daß Dagklar einen Fuchs mit einem Auftrag an die Wildgänse schickt,« wandte Agar ein.

»Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde,« erwiderte Smirre mit freundlicher Stimme. »Aber in der Not muß man einander beistehen. Übrigens wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, daß du die Botschaft durch einen Fuchs erhalten hast, sonst könnte sie am Ende mißtrauisch werden.«

Die Schwäne in der Hjälstabucht

Der sicherste Zufluchtsort für die Schwimmvögel am ganzen Mälar ist die Hjälstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine Ausweitung des Norra-Björköfjords ist. Dieser Fjord aber ist die zweitgrößte von den langen Buchten, die der Mälar nach Uppland hinein erstreckt.

Die Hjälstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine Menge Binsen ganz wie der Tåkern. Sie ist zwar lange nicht so groß wie der berühmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat für die Vögel, weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nämlich ein großes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nähe liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die Schwäne nicht gestört oder beunruhigt würden.

Sobald Akka erfahren hatte, daß die Schwäne ihrer Hilfe bedürften, flog sie eiligst nach der Hjälstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich, welche ungeheuern Zerstörungen die Überschwemmung angerichtet hatte. Die großen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre umgestürzt, und die Eier lagen jetzt hell glänzend drunten im Wasser auf dem Grund.

Als sich Akka in der Bucht niederließ, waren alle hier wohnenden Schwäne am östlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschützt waren. Die Überschwemmung hatte freilich großen Schaden bei ihnen angerichtet, aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. »Es hat keinen Wert, unglücklich darüber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern und Stiele, um neue Nester zu bauen,« sagten sie. Kein einziger Schwan hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten keine Ahnung, daß Smirre die Wildgänse herbeigerufen hatte.

Es waren mehrere hundert Schwäne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang und ihrer Stellung gemäß aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu äußerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte lag Dagklar, der Schwanenkönig, mit Schneefrid, der Schwanenkönigin; diese beiden waren älter als alle andern, und fast alle Mitglieder des Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder.

Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzählen, wo es in Schweden noch gar keine wilden Schwäne gab, sondern nur zahme in den Schloßgräben und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich in der Hjälstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die Schwäne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine Menge wilder Schwäne im Mälar, sowie im Tåkern und im Hornborgasee; aber alle diese Ansiedler stammen aus der Hjälstabucht, und die Schwäne waren sehr stolz darauf, daß sich ihre Familie über einen See nach dem andern ausbreitete.

Die Wildgänse hatten sich zufälligerweise auf der westlichen Seite der Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwäne lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinüber. Sie war selbst sehr erstaunt, daß nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwänen beistehen konnte.

Als Akka in die Nähe der Schwäne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die Gänse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung voneinander schwämmen. »Schwimmt nun hübsch und gerade!« sagte sie. »Starrt die Schwäne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schönes gesehen hättet, und kümmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!«

Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so weitgereisten und angesehenen Vogel gebührte. Aber es war ihr nie angenehm, wenn sie durch alle die andern Schwäne, die die Alten umringten, hindurchschwimmen mußte. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn sie mit den Schwänen zusammen war, und zuweilen ließ auch der eine oder der andre eine Bemerkung über gewisse graue häßliche Leute fallen. Aber da hielt es Akka immer fürs klügste, zu tun, als ob sie es nicht gehört hätte, und nur ruhig weiter zu schwimmen.

Diesmal schien alles ungewöhnlich gut zu gehen. Die Schwäne glitten ganz still zur Seite, und die Wildgänse schwammen wie durch eine mit großen weißschimmernden Vögeln eingefaßte Straße hindurch. Und diese weißen Vögel, die ihre Flügel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer ganzen Schönheit zu zeigen, boten einen überaus prächtigen Anblick. Sie machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worüber Akka sich sehr verwunderte. »Gewiß hat König Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen,« dachte die alte Wildgans.

Aber während die Schwäne sich so alle Mühe gaben, ihre guten Sitten zu zeigen, entdeckten sie plötzlich den weißen Gänserich, der ganz hinten in der langen Reihe der Gänse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit dem gebildeten Benehmen.

»Was ist denn das?« rief einer von den Schwänen. »Wollen die Wildgänse jetzt weiße Federn haben?«

»Sie werden sich doch nicht einbilden, daß sie deshalb Schwäne würden!« schrie es von allen Seiten.

Und mit ihren weithintönenden Stimmen schrien die Schwäne immer lauter durcheinander; es war Akka ganz unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, um ihnen zu erklären, daß dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen angeschlossen habe.

»Da kommt gewiß der Gänsekönig selbst daher!« spotteten die Schwäne.

»Sie sind ganz unglaublich unverschämt!« riefen die andern.

»Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!«

Der große Weiße gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was ihnen zugerufen würde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell wie möglich vorwärts; aber es half nichts, die Schwäne wurden nur noch ausfälliger.

»Was hat er denn für eine Kröte auf dem Rücken?« fragte einer von ihnen. »Die Gänse meinen wohl, wir könnten nicht sehen, daß es eine Kröte ist, trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?«

Nun schwammen alle die Schwäne, die vorher in so schöner Ordnung dagelegen hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drängten sich vor, um die weiße Wildgans zu sehen.

»So ein weißer Gänserich sollte sich wenigstens schämen, sich hier vor uns Schwänen sehen zu lassen!«

»Er ist gewiß ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkübel getaucht.«

Jetzt hatte Akka den König Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen, womit sie ihm behilflich sein könnte, als dieser den Aufruhr unter seinem Volke gewahr wurde.

»Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, höflich gegen die Fremden zu sein?« rief er und sah sehr unzufrieden aus.

Schneefrid, die Schwanenkönigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka. Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurück. »Kannst du sie nicht zum Schweigen bringen?« rief ihr der Schwanenkönig entgegen.

»Es ist eine weiße Wildgans unter ihnen,« antwortete die Schwanenkönigin. »Das ist wirklich schändlich. Es wundert mich nicht, daß sie wütend sind.«

»Eine weiße Wildgans!« rief Dagklar. »Das ist zu toll! Das gibt es ja gar nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.«

Das Gedränge um den Gänserich Martin herum wurde immer größer. Akka und die andern Wildgänse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen.

Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenkönig, der stärkste von dem ganzen Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen Weg zu dem weißen Gänserich hin. Aber als er sah, daß da wirklich eine weiße Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er fauchte vor Zorn, stürzte geradeswegs auf den Gänserich los und rupfte ihm ein paar Federn aus. »Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug zu den Schwänen zu kommen!« rief er.

»Flieh, Martin, flieh, flieh!« rief Akka, denn sie erkannte, daß ihm die Schwäne jede Feder ausrupfen würden. Und »Flieh, flieh!« schrie auch der Däumling.

Aber der Gänserich war so fest zwischen den Schwänen eingekeilt, daß er seine Flügel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die erzürnten Schwäne ihre starken Schnäbel vor, ihm die Federn auszurupfen.

Der Gänserich verteidigte sich, so gut er konnte; er biß und stieß um sich, und die andern Wildgänse griffen die Schwäne auch an. Aber das Ende war nur zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgänsen ganz unerwartet von andrer Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie übel es den Wildgänsen bei den Schwänen erging, war der Helfer. Es stieß jenen scharfen Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vögel bedienen, wenn es gilt, einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vögel der Umgegend auf blitzschnellen Schwingen in einem großen kreischenden Schwarm auf die Hjälstabucht zustürmten.

Und diese armen schwachen Vögelein warfen sich auf die Schwäne; sie zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren Flügeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz außer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: »Schämt euch! Schämt euch, ihr Schwäne!«

Der Überfall der kleinen Vögel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwäne einigermaßen zu sich gekommen waren, hatten die Wildgänse die Flucht ergriffen und schon die andre Seite der Bucht erreicht.

Der neue Kettenhund

Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwäne: als sie sahen, daß die Wildgänse entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Würde, ihnen nachzujagen. Die Wildgänse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel schlafen.

Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. »Ich muß sehen, daß ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde,« sagte er.

In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es für so einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein Beförderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern sprang auf ein Bretterstück, das zwischen die Binsen hineingetrieben war. Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stieß durch das seichte Wasser dem Ufer zu.

Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Plätschern im Wasser hörte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwänin, die ganz in seiner Nähe in ihrem großen Neste lag; dann aber erblickte er einen Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem Schwanenneste hinschlich.

»Hallo, hallo! Steh auf, steh auf!« rief der Junge und schlug mit seinem Stock ins Wasser.

Die Schwänin stand auf, aber doch nicht so rasch, daß der Fuchs sich nicht hätte auf sie werfen können, wenn er gewollt hätte. Aber er gab diesen Plan auf und rannte eiligst auf den Jungen zu.

Der Däumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen Baum, den er hätte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich hätte verstecken können. Es blieb ihm nichts übrig, als zu fliehen. Nun war der Junge zwar ein guter Läufer, aber daß er es in der Geschwindigkeit mit einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen hatte, nicht aufnehmen könnte, dessen war er sich nur zu klar.

Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Kätnerhütten, aus deren Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natürlich lief der Junge darauf zu; aber er mußte sich selbst sagen, daß ihn der Fuchs längst eingeholt haben würde, ehe er die Häuser erreicht hätte.

Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, daß er den Jungen sicher zu haben meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Männern hingelaufen, die den ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren.

Die Männer waren müde und schläfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begnügte sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: »Der Fuchs wird sich wohl hüten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.«

Aber bald hörte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: »Sie werden mich wohl für einen Hund halten.«

»Was schleicht denn da für ein Hund hinter uns her?« sagte auch in der Tat einer von den Männern. »Er kommt uns so nahe, als ob er uns beißen wollte.«

Der andre blieb stehen und sah sich um. »Weg mit dir! Was willst du?« rief er und versetzte dem Fuchs einen Stoß, der ihn auf die andre Seite des Weges beförderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern Abstand, lief aber unentwegt hinter den Männern her.

Bald erreichten die Männer die Kätnerhütten und gingen miteinander in eine von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah er einen großen, schönen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehütte herausrasen und den Hausherrn stürmisch begrüßen. Da änderte der Junge seine Absicht und blieb vor dem Hause.

»Hör einmal, Hofhund,« sagte er leise, sobald die Männer die Tür hinter sich zugemacht hatten. »Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs zu fangen?«

Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von dem Angebundensein auch geworden. »Wie soll ich einen Fuchs fangen?« bellte er wütend. »Wer bist denn du, daß du daherkommst und mich verspottest? Komm mir nur so nahe, daß ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren, deinen Spott mit mir zu treiben.«

»O, ich habe durchaus keine Angst vor dir!« rief der Junge und lief zu dem Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so überrascht, daß er kein Wort herausbringen konnte.

»Ich bin der Junge, den die Tiere den Däumling nennen, und der mit den Wildgänsen umherzieht,« sagte Nils Holgersson. »Hast du noch nicht von mir reden hören?«

»Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert,« antwortete der Hund. »Du scheinst große Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so klein bist.«

»Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst, dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er steht dort an den Ecke und lauert auf mich.«

»Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich,« sagte der Hund. »Den werden wir bald haben.«

Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und kläffte eine gute Weile.

»Ich glaube nicht, daß er sich jetzt noch einmal heranwagt,« sagte er dann.

»Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht geschlagen,« sagte der Junge. »Er wird gleich wieder da sein, und das wäre auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du ihn gefangen nehmen sollst.«

»Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir?« rief der Hund.

»Nein, gewiß nicht. Komm nur mit mir in die Hundehütte hinein, damit der Fuchs uns nicht hören kann; dann sage ich dir, wie du es machen mußt,« sagte der Junge.

Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Hütte hinein und flüsterten da eifrig zusammen.

Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur des Jungen bis zur Hundehütte hin und setzte sich in angemessener Entfernung davon nieder, um zu überlegen, wie er ihn herauslocken könnte. Plötzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. »Mach daß du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich!« rief er.

»Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,« erwiderte der Fuchs.

»Geh deiner Wege!« brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. »Sonst hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.«

Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. »Ich weiß schon, wie weit deine Kette reicht,« sagte er.

»Nun habe ich dich zweimal gewarnt,« sagte der Hund und trat aus seiner Hütte heraus. »Jetzt mußt du die Folgen selbst tragen.«

Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem großen Satz auf den Fuchs los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen.

Einen Augenblick kämpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden und wagte sich nicht zu rühren. »Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig bleibst, beiße ich dich tot,« sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken und schleppte ihn in seine Hütte hinein. Da stand der Junge mit der Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen saß; und die ganze Zeit über mußte der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rühren.

»So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, daß ein guter Kettenhund aus dir wird,« sagte der Junge, als er fertig war.